Skript

01 · Lernpfad & Architektur — von der Akte zu drei Texten

Überblick

Zielgruppe: Referendarin oder Referendar vor oder in der Anwaltsstation. Maßstab: die vier Examensklausuren dieses Bandes.

Keine Sorge — dieses erste Kapitel ist nur die Landkarte. Du musst hier noch nichts können. Es zeigt, wie der Band gebaut ist und in welcher Reihenfolge du am besten lernst. Blättere jederzeit hierher zurück.

Der Band in einem Bild

Drei Schichten bauen aufeinander auf — Wissen → Übung → Klausur:

  • Wissen
    150 Module erklären jeden Baustein von null — bei den Normsätzen mit dem Wortlaut, bei den Schemata mit der Prüfungsfolge, bei den Weichen mit der Stelle, an der die Prüfung abbiegt, bei den Streitfragen mit den Ansichten und der Wahl, die man begründet, bei den Mustern mit dem Textbaustein im Wortlaut, und jede der 140 Einheiten mit einem Quick-Check am Ende.
  • Übung
    135 Mikrofälle in drei Stufen: Grundfall, Variante, Streitfall — 45 Themen, jedes in allen dreien.
  • Klausur
    Vier vollständige Examensklausuren, je fünf Stunden: ein Schriftsatz an das Landgericht mit Hilfsgutachten und Mandantenschreiben, ein zweiter in derselben Bauart, ein Rechtsmittel mit Berufungsschrift und Berufungsbegründung und eine Antragsschrift im einstweiligen Rechtsschutz mit Hilfsgutachten und ohne Mandantenschreiben.

Die Besonderheit dieses Bandes: Er fängt mit zwei Landkarten an. Die erste, Der Dreischritt in einer Tafel, legt zwölf Fragen in drei Schritten nebeneinander und nennt bei jeder die Quelle in der Akte, die Norm, das Ergebnis und den Text, in den das Ergebnis wandert. Das Mandantenziel wandert in zwei der drei Texte, die Rechtslage in alle drei, die Zweckmäßigkeit allein in das Mandantenschreiben: fünf der zwölf Fragen gehören nur dorthin.

Die zweite, Die Fristenkarte der Anwaltsakte, führt neun Fristen auf, die niemand außer dem Anwalt wahrt, mit Beginn, Länge, Notfrist oder nicht, Verlängerung, Folge der Versäumung und Rettungsweg. Bei fünf der neun Zeilen ist das Versäumnis endgültig. Die Prüffolge ist immer dieselbe: Länge, Beginn, Notfrist oder nicht, verlängerbar oder nicht.

Was du hier lernst, endet in drei Texten, die so in der Klausur stehen könnten: ein Schriftsatz, ein Hilfsgutachten und ein Mandantenschreiben. Deck sie ab und schreib sie aus dem Kopf auf; das ist die Übung.

Vertiefung

Der empfohlene Lernpfad

Es ist ein Wegweiser zum Zurückblättern und kein Pensum, das du jetzt verstehen musst. Die Tagesangaben sind aus dem Umfang gerechnet: Rund zwanzig Lerntage, verteilt nach dem Anteil, den ein Feld am Lehrtext des Bandes hat.

  • Schritt 1 — Die beiden Landkarten (≈ ½ Tag)
    Feld 0: der Dreischritt in einer Tafel mit zwölf Fragen, von denen fünf nur in das Mandantenschreiben wandern, und die Fristenkarte mit neun Fristen. Einmal lesen genügt. Nach jedem Feld kommst du hierher zurück.
  • Schritt 2 — Die anwaltliche Prüfungsmethode (≈ 3 Tage)
    Feld 1: der Dreischritt von Mandantenziel über Rechtslage zur Zweckmäßigkeit, das Gewinnen des Mandantenziels aus der Akte sowie das erklärte und das wirkliche Ziel in vier Lagen. Der Bearbeitervermerk als Auftragsurkunde und die Rolle als Kläger- oder Beklagtenvertreter. Die Rechtslage aus Parteisicht, die Erwiderungsprobe und die sechs Fragen der Zweckmäßigkeit. Die Wahl zwischen richtig und durchsetzbar, die Beweisprobe vor der Rechtsprobe sowie der Grundsatz des sichersten Weges. Der Anwaltsvertrag nach § 675 Abs. 1 BGB, § 43 BRAO mit zwei Sätzen, das Verbot widerstreitender Interessen nach § 43a Abs. 4 Satz 1 BRAO, der Referendar nach § 43a Abs. 5 BRAO, die unverzügliche Ablehnung nach § 44 BRAO und § 138 Abs. 1 ZPO als Grenze des Vortrags. Der Aktenauszug mit Lesefolge und Notizschema, die erste Wahl von außergerichtlich bis Eilrechtsschutz sowie das Zeitgerüst der fünf Stunden.
  • Schritt 3 — Die Klageschrift (≈ 2–2½ Tage)
    Feld 2: § 253 Abs. 1 ZPO über die Erhebung durch Zustellung, die zwei Mussangaben nach § 253 Abs. 2 Nr. 1 und Nr. 2 ZPO, die vier Sollangaben nach § 253 Abs. 3 ZPO sowie § 253 Abs. 4 und Abs. 5 ZPO mit dem neuen Satz 2. Die Reihenfolge der Klageschrift, das Muster für den Kopf der Klageschrift, das Muster für Sachantrag und Zinsantrag, der vorsorgliche Antrag auf Versäumnisurteil sowie das Muster für die drei Erklärungen nach § 253 Abs. 3 ZPO. Der Antrag auf den Commercial Court nach § 610 Abs. 2 ZPO und § 611 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO mit § 119b Abs. 2 Satz 3 GVG. § 12 GKG mit sieben Absätzen, § 167 ZPO mit dem Wort „demnächst“ und die Vollmacht nach § 88 Abs. 2 ZPO. Die Trennung von Tatsachenvortrag und Rechtsausführung sowie der Beweisantritt nach § 282 Abs. 1 ZPO.
  • Schritt 4 — Die Klageerwiderung und die Verteidigungsanzeige (≈ 2–2½ Tage)
    Feld 3: § 276 Abs. 1 ZPO mit vier Sätzen, § 46 Abs. 2 Satz 2 ArbGG mit den §§ 275 bis 277 ZPO, die Belehrung nach § 276 Abs. 2 ZPO, die Frist zur Stellungnahme nach § 276 Abs. 3 ZPO und die Einlassungsfrist nach § 274 Abs. 3 ZPO. Die Wahl zwischen frühem ersten Termin und schriftlichem Vorverfahren, § 277 ZPO mit zwei Sollnummern, § 277 Abs. 4 ZPO für die Replik sowie das Muster der Bestellungsanzeige. Das Maß des Bestreitens nach § 138 Abs. 2 ZPO, das Zugeständnis durch Schweigen nach § 138 Abs. 3 ZPO, das Bestreiten mit Nichtwissen nach § 138 Abs. 4 ZPO und das Muster der Erwiderung Punkt für Punkt. Die Zulässigkeitsrügen nach § 282 Abs. 3 ZPO, die Wahl zwischen Rüge und § 39 ZPO sowie das Erheben der Einreden und das Kennzeichnen der Hilfsaufrechnung.
  • Schritt 5 — Der weitere Schriftsatz (≈ 3 Tage)
    Feld 4: § 340 Abs. 1 ZPO über die Einlegung beim Prozessgericht, § 340 Abs. 2 ZPO mit zwei Nummern und Satz 2, § 340 Abs. 3 ZPO mit vier Sätzen sowie das Muster der Einspruchsschrift mit Antrag nach § 343 ZPO. Der Begleitantrag nach § 719 Abs. 1 Satz 1 ZPO mit § 707 ZPO, § 719 Abs. 1 Satz 2 ZPO über die Einstellung gegen Sicherheit, das Muster des Einstellungsantrags und die Wahl zwischen Einspruch einlegen oder erfüllen. Der Bauplan der Replik, das Muster der Replik auf eine Klageerwiderung sowie die Rechtzeitigkeit nach § 282 Abs. 1 und Abs. 2 ZPO. § 296 ZPO mit vier Absätzen, der Verweis des § 340 Abs. 3 Satz 3 ZPO auf § 296 ZPO, § 283 ZPO mit zwei Sätzen, das Muster des Antrags auf Schriftsatznachlass und § 296a ZPO mit § 156 Abs. 2 ZPO. Die Abschichtung nach § 139 Abs. 1 Satz 3 ZPO, die Erklärungsfrist nach § 139 Abs. 5 ZPO, die Gestaltungserklärung nach § 130e ZPO und die Berufungsschrift nach § 519 Abs. 2 ZPO.
  • Schritt 6 — Das Hilfsgutachten (≈ 2 Tage)
    Feld 5: der Begriff des Hilfsgutachtens, die Umschaltung von der Parteisicht in die Gutachtensicht, der Unterschied zum Urteilsgutachten und die drei Anlässe. Aufbau und Reihenfolge des Hilfsgutachtens, das Muster des Einleitungssatzes, die Trennung von Schriftsatz und Hilfsgutachten sowie die bezifferte Erfolgsaussicht. Der Umgang mit der Gegenauffassung, die Beweislage im Hilfsgutachten und das Zeitbudget für das Hilfsgutachten. Das Muster zur Zulässigkeit in zehn Sätzen, das Muster zur Begründetheit mit Hilfsbegründung und das Scheitern durch Wiederholung des Schriftsatzes.
  • Schritt 7 — Das Mandantenschreiben (≈ 2½ Tage)
    Feld 6: der Bauplan des Mandantenschreibens, der laienverständliche Ton, das Muster von Betreff bis Schlussformel und das Muster der Rechtslage in sechs Sätzen. Die ungeschönte Bewertung und das Benennen der Gegenauffassung. § 49b Abs. 5 BRAO mit einem Satz, das Muster des Kostenhinweises nach § 13 RVG, § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO im Brief und das Kostenrisiko in drei Zahlen. § 12a Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 ArbGG sowie § 12a Abs. 1 Satz 3 ArbGG. Die eindeutige Empfehlung und die benannte Frist sowie das Muster der Empfehlung mit Alternative und Entscheidungsfrist. Die Anwaltshaftung nach § 280 Abs. 1 BGB mit § 675 Abs. 1 BGB, § 51 Abs. 4 Satz 1 BRAO mit der Mindestversicherungssumme von 250 000 Euro, die drei häufigsten Haftungsfälle und das Scheitern des Schreibens ohne Empfehlung.
  • Schritt 8 — Zweckmäßigkeit im Einzelnen (≈ 3 Tage)
    Feld 7: die Gerichtsstandswahl nach § 35 ZPO, die Reisekosten nach § 91 Abs. 2 Satz 1 ZPO, die Wahl außergerichtlich oder sofort klagen und § 93 ZPO als Kostenfalle. Die Wahl Mahnverfahren oder Klage, die Wahl Leistungs- oder Feststellungsklage, die Wahl Teilklage oder volle Klage und die Vier-Felder-Probe zum Beweisrisiko. § 204 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 3 BGB, § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB zur Streitbeilegungsstelle, § 204 Abs. 1 Nr. 9 BGB für Arrest und Verfügung, § 204 Abs. 1 Nr. 14 BGB, § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB mit sechs Monaten sowie § 203 BGB mit der Dreimonatsfrist. Der Vergleich ohne Termin nach § 278 Abs. 6 ZPO, die Einigungsgebühr als Argument, die Terminsgebühr für das Vergleichsgespräch, die Rücknahme nach § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO und die Vollstreckungsaussicht vor der Klage. Die Vollziehungsfrist von einem Monat nach § 929 Abs. 2 Satz 1 ZPO, § 945 ZPO mit einem Satz sowie die erzwungene Hauptsacheklage nach § 926 Abs. 1 und Abs. 2 ZPO.
  • Schritt 9 — Die Nebengebiete (≈ 2 Tage)
    Feld 8: § 13 RVG seit dem 1. Juni 2025, die Berufungsgebühr nach Nummer 3200 VV RVG, die Verfahrensgebühr nach Nummer 3100 VV RVG, die Terminsgebühr nach Nummer 3104 VV RVG und die Geschäftsgebühr nach Nummer 2300 VV RVG. Die Anrechnung nach § 15a RVG, die Einigungsgebühr nach Nummer 1000 VV RVG, das Muster der Kostenrechnung nach § 10 Abs. 1 Satz 1 RVG sowie Vorschuss und Vergütungsvereinbarung. Prozesskostenhilfe und Beiordnung, die Deckelung nach § 49 RVG bei mehr als 4 000 Euro sowie der Festsetzungsantrag nach § 104 ZPO. Die Deckungsanfrage und Satz 3 des § 128 VVG sowie das Online-Verfahren und seine null Treffer.
  • Schritt 10 — Klausurphase
    Vier Klausuren unter Zeit, je fünf Stunden. Zwei verlangen einen Schriftsatz an das Landgericht mit Hilfsgutachten und Mandantenschreiben, die dritte die Berufungsschrift mit Berufungsbegründung, die vierte eine Antragsschrift im einstweiligen Rechtsschutz ohne Mandantenschreiben. Lies jede Akte einmal ganz, bevor du schreibst, und halte das Zeitgerüst aus Feld 1 ein. Zwischendurch hält die Jura Eule den Stoff wach.

Woran du merkst, dass es sitzt

Du gehst jede Akte an den drei Schritten entlang. Du sagst in einem Satz, was der Mandant am Ende erreicht haben will, prüfst, was trägt und was beweisbar ist, und wählst den Weg, der nach Kosten, Zeit, Beweisrisiko und Vollstreckbarkeit der beste ist. Bei jedem Satz weißt du, ob er in den Schriftsatz, in das Hilfsgutachten oder in das Mandantenschreiben gehört, und du rechnest jede Frist mit Beginn, Länge und Notfrist nach.

Den Antrag, den Einleitungssatz des Hilfsgutachtens und die Empfehlung mit Frist schreibst du aus dem Kopf im Wortlaut. Das gelingt, weil du die Normen auf der Ebene kennst, auf der Zitate scheitern: Absatz, Satz, Nummer und Halbsatz.