S5-14 · Die nachträgliche Gesamtstrafe, § 55 StGB

Der Lagerarbeiter Halil Wendhold wird vor dem Amtsgericht Gormenrade wegen eines Betruges vom 20. November 2025 verurteilt; die neue Einzelstrafe beträgt 60 Tagessätze. Das Register weist eine Verurteilung desselben Gerichts vom 14. Januar 2026 aus: Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 30 Euro wegen eines Diebstahls vom 3. September 2025, rechtskräftig seit dem 22. Januar 2026, bisher nicht bezahlt. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse sind unverändert.

Wie lautet der Rechtsfolgenausspruch?

Lösung

Die frühere Strafe ist einzubeziehen; es ergeht eine nachträgliche Gesamtgeldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 30 Euro.

§ 55 I 1 StGB setzt drei Dinge voraus: eine rechtskräftige frühere Verurteilung, eine neue Tat, die vor dieser Verurteilung begangen wurde, und eine frühere Strafe, die noch nicht vollstreckt, verjährt oder erlassen ist. Alles drei liegt vor.

Maßgeblich ist nach § 55 I 2 StGB nicht die Rechtskraft, sondern das Urteil in dem früheren Verfahren, in dem die zugrundeliegenden tatsächlichen Feststellungen letztmals geprüft werden konnten — die letzte tatrichterliche Verhandlung. Das kann ein Berufungsurteil sein; wird die Berufung zurückgenommen oder als unzulässig verworfen, bleibt das erstinstanzliche Urteil maßgebend. Für die Verteidigung ist das ein wesentliches Kriterium bei der Entscheidung über eine Berufungsrücknahme.

Beim Strafbefehl kommt es auf den Erlass, also die richterliche Unterzeichnung, an, nicht auf die Zustellung (BGH, Beschluss vom 10.06.1985 – 4 StR 153/85, BGHSt 33, 230). Der Zweitrichter muss sich in die Lage des Erstrichters versetzen; das kann er nur zu dem Zeitpunkt, in dem dieser tätig geworden ist.

Gerechnet wird nach §§ 55 I, 53, 54 StGB wie bei einer gewöhnlichen Gesamtstrafe. Einsatzstrafe sind die 90 Tagessätze, Untergrenze 91 Tagessätze, Summe 150 Tagessätze, Obergrenze deshalb 149 Tagessätze; die Faustregel führt auf 90 plus 30, also 120 Tagessätze. Die Tagessatzhöhe ist für die Gesamtgeldstrafe einheitlich festzusetzen und bleibt hier bei 30 Euro. Zur Kontrolle dienen die Produkte: 3.600 Euro übersteigen das Produkt jeder Einzelstrafe und erreichen die Summe der Produkte von 4.500 Euro nicht.

Der Tenor nennt das einbezogene Urteil mit Gericht, Datum und Aktenzeichen:

II. Er wird deswegen unter Einbeziehung der Strafe aus dem Urteil des Amtsgerichts Gormenrade vom 14. Januar 2026 (Az. 7 Ds 240 Js 15903/25) zu einer Gesamtgeldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 30 Euro verurteilt.

Eine Auflösung wird hier nicht ausgesprochen, weil im früheren Urteil nur eine Einzelstrafe verhängt wurde; nur wo dort eine Gesamtstrafe gebildet worden ist, tritt der Zusatz „und unter Auflösung der dort gebildeten Gesamtstrafe“ hinzu. In die Gründe gehören bei den Feststellungen zur Person Sachverhalt und Strafzumessungserwägungen des einbezogenen Urteils; an dessen Einzelstrafen ist der Zweitrichter gebunden.

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