Der letzte Bus zur Wendeschleife — Raub, räuberische Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer und Mittäterexzess
Jörn Jürgens (im Folgenden: J) fährt für das städtische Verkehrsunternehmen einen Linienbus. Fahrscheine verkauft er selbst am Fahrerplatz. Das Wechselgeld und die Einnahmen der Schicht bewahrt er in einem Fach unter dem Fahrscheindrucker auf, das sich nur mit einem Schlüssel öffnen lässt. Diesen Schlüssel trägt J während der Schicht an einer Kette am Gürtel. Der Fahrerplatz ist durch eine halbhohe Abtrennung mit einer Tür vom Fahrgastraum getrennt. Über ein Funkgerät am Fahrerplatz kann J die Leitstelle des Unternehmens erreichen. Er hat im Dienst kein Mobiltelefon bei sich. Hinter dem Fahrersitz steht sein eigener zusammengeklappter Elektroroller im Wert von etwa 650 Euro, mit dem er nach der Schicht vom Betriebshof nach Hause fährt. Am linken Handgelenk trägt J eine Smartwatch im Wert von etwa 420 Euro, mit der man nicht telefonieren kann.
Klaus Kampmann (im Folgenden: K) und Lorenz Liebig (im Folgenden: L) sind in den Wochen zuvor öfter mit dem letzten Bus auf dieser Linie gefahren. Dabei haben sie gesehen, wie der Fahrer Fahrscheine verkauft und das Geld in das Fach legt. Sie haben verabredet, dem Fahrer auf der letzten Fahrt in der Nacht zum Samstag, dem 5. September 2026, die Einnahmen abzunehmen und das Geld unter sich zu teilen. L soll dem Fahrer ein Feuerzeug aus schwarzem Kunststoff an den Kopf halten, das die Form einer Pistole hat, und K soll das Geld nehmen. Das Feuerzeug sieht aus wie eine echte Pistole, und wer es nicht in die Hand nimmt, hält es für eine solche. Die beiden wollen kein Messer, keine echte Pistole und nichts anderes mitnehmen, womit man einen Menschen verletzen kann, denn niemand soll verletzt werden. L verlässt sich darauf, dass K sich daran hält. Sie wollen beginnen, wenn der Bus an der vorletzten Haltestelle wieder anfährt. Dann hat der Fahrer die Hände am Lenkrad und den Blick im Spiegel und kann sich weder wehren noch zum Funkgerät greifen. Bis zur Endhaltestelle soll er weiterfahren, damit sie das Geld dort nehmen können, wo nachts niemand ist.
K traut der Wirkung des Feuerzeugs nicht. Am späten Freitagabend steckt er heimlich ein Filetiermesser mit einer schmalen, spitzen Klinge von etwa fünfzehn Zentimetern in die Innentasche seiner Jacke, ohne L etwas davon zu sagen.
Kurz nach Mitternacht steigen K und L an der vorletzten Haltestelle der Linie am Stadtrand in den Bus des J. Sie zeigen gültige Monatskarten vor und sind die einzigen Fahrgäste. Der Bus steht in einer Haltebucht an der Ausfallstraße der Stadt. Bis zur Endhaltestelle mit ihrer Wendeschleife sind es drei Kilometer, zuerst ein kurzes Stück auf der Ausfallstraße und dann über eine unbeleuchtete Landstraße. K stellt sich im Fahrgastraum unmittelbar hinter die Abtrennung des Fahrerplatzes, L stellt sich vorn rechts in den Einstieg.
J schließt die Türen, setzt den Blinker und lässt den Bus aus der Haltebucht anrollen. Auf der Ausfallstraße kommen von hinten noch Autos heran, und J blickt in den linken Außenspiegel, um sich in den Verkehr einzufädeln. In diesem Augenblick greift K über die Abtrennung und drückt J von hinten die Spitze der Klinge unter dem linken Ohr an den Hals. J spürt einen kalten, spitzen Druck. Er kann nicht sehen, was K ihm an den Hals hält. K sagt ihm leise ins Ohr: „Spürst du das? Das ist ein Messer.“ Zugleich hält L ihm das Feuerzeug an die rechte Schläfe und sagt: „Fahr weiter bis zur Wendeschleife. Kein Funk, kein Halt.“ Von seinem Platz im Einstieg aus kann L die linke Halsseite des J nicht sehen, und was K sagt, hört er wegen des Motorengeräuschs nicht. J hält das Feuerzeug für eine echte Pistole und fürchtet, erschossen oder erstochen zu werden. Er lenkt den Bus auf die Ausfallstraße und fährt weiter. Solange der Bus fährt, kann er sich nicht umdrehen und nicht aufstehen, ohne das Lenkrad loszulassen. Das gilt auch auf der Landstraße, auf der er bis zur Endhaltestelle etwa fünf Minuten braucht.
An der Wendeschleife hält J auf Verlangen des L an und stellt den Motor ab. Er weint und bittet K, das Messer wegzunehmen. K hat Mitleid mit ihm, nimmt die Klinge vom Hals des J und steckt das Messer in die Innentasche seiner Jacke zurück, aus der er es in dieser Nacht nicht wieder herausnimmt. L hält J weiter das Feuerzeug an den Kopf und verlangt, dass er das Fach öffnet. J weiß, dass sich das Fach ohne seinen Schlüssel nicht öffnen lässt. Er fürchtet einen Schuss, schließt das Fach auf und klappt den Deckel hoch. Er nimmt das Geld nicht heraus. Er hält es jetzt für verloren und lässt die Hände auf dem Lenkrad. K tritt neben L in den Einstieg, greift in das Fach und steckt die Scheine und Münzen ein, zusammen 340 Euro. Ohne den Schlüssel des J hätten K und L das Fach nicht öffnen können.
Danach lässt L das Feuerzeug sinken. Als er den zusammengeklappten Roller hinter dem Fahrersitz bemerkt, richtet er das Feuerzeug wieder auf J und sagt: „Den Roller leihe ich mir für die Fahrt in die Stadt. Morgen früh steht er bei euch an der Pforte.“ J hält das Feuerzeug weiter für eine echte Pistole und wagt nicht, sich zu rühren. L öffnet die Tür der Abtrennung, nimmt den Roller heraus, steigt aus, klappt ihn auf und fährt davon. Er will nicht zu Fuß in die Stadt gehen. Er will den Roller nach der Fahrt zurückgeben und nicht behalten, und das hat er schon vor, als er ihn nimmt. K hat von diesem Vorhaben nichts gewusst, sieht zu und sagt nichts.
Als L außer Sicht ist, befiehlt K dem J auszusteigen, und J gehorcht. K bindet ihm mit dem Kabel eines Ladegeräts, das am Fahrerplatz liegt, die Hände an das Geländer des Wartehäuschens der Endhaltestelle. Er will verhindern, dass J über Funk die Leitstelle verständigt, bevor er selbst im Dunkeln über die Felder in sein Dorf gelaufen ist, denn er will nicht gefasst werden. Er denkt dabei nicht an das Geld in seiner Tasche. Erst als J gebunden ist, fällt K die Smartwatch an dessen linkem Handgelenk auf. Sie gefällt ihm, und er beschließt, sie mitzunehmen und zu behalten. Er öffnet das Armband und nimmt J die Uhr ab. J kann mit den gebundenen Händen nichts dagegen tun. Das Messer steckt dabei in der Innentasche der Jacke des K. Dann geht K davon, und nach etwa zwanzig Minuten hat J die Hände frei.
Am Samstagmorgen fährt L mit dem Roller zum Betriebshof des Verkehrsunternehmens, klappt ihn vor der Pforte zusammen und gibt ihn beim Pförtner ab. Er sagt, der Roller gehöre dem Fahrer, der in der Nacht den letzten Bus zur Wendeschleife gefahren habe. J holt den unbeschädigten Roller am Mittag dort ab. In der Stadt kann man einen vergleichbaren Elektroroller für 15 Euro am Tag mieten.
Die Klinge hat J nicht verletzt. L hat das Feuerzeug in dieser Nacht nicht angezündet und nicht gesagt, was es ist. L erfährt weder in dieser Nacht noch später von dem Messer. Außer K, L und J ist in dieser Nacht niemand im Bus und an der Endhaltestelle. Das Geld in dem Fach gehört dem Verkehrsunternehmen. Weder K noch L hat einen Anspruch auf das Geld, die Uhr oder den Roller.